Leseprobe

Spiel mit mir!

 „Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen“




(Francis Bacon, englischer Philosoph und Staatsmann)



 




-1- 


Er ging durch die dunkle, menschenleere Gasse, wo zu so später Stunde kaum noch jemand unterwegs war. Es hatte länger gedauert, bis er heute Feierabend machen konnte. Der Berg an Arbeit in seinem Büro hatte sich über den Urlaub so angehäuft, dass er die ganze Nacht hätte durcharbeiten können und er wäre bis morgen früh immer noch nicht fertig gewesen. Er war Immobilienmakler und die Anfragen per Mail gingen in den höheren dreistelligen Bereich. Viele der Anfragen konnte er gar nicht entgegennehmen, weil die Wohnsituation so extrem angespannt war, dass die vielen Singles, die eine kleine Einzimmerwohnung suchten, kaum realistische Chancen hatten, etwas zu finden. Nicht mit und nicht ohne ihn. Allerdings galt das nicht nur für Singles, die ein kleines Budget hatten, sondern im Prinzip auch für alle anderen Wohnungssuchenden. Im Zentrum der Stadt war es beinahe unmöglich, etwas Bezahlbares zu erhalten, sofern es nicht eine völlige Bruchbude sein durfte. Erst neulich hatte er für ein junges Pärchen eine 2,5-Zimmerwohnung organisiert, nahe der Innenstadt, die allein 800 € Kaltmiete gekostet hatte. Er hatte seinen beiden Klienten angesehen, dass dies nicht ganz ihrer Preisvorstellung entsprach, aber aufgrund der Tatsache, dass sie schon seit Ewigkeiten suchten, hatten sie keine andere Option mehr, als zu nehmen, was sie bekommen konnten. Für ihn war es gut. Er kassierte die Provision. 

Während er seine Mails bearbeitete, klingelte ständig das Telefon und weitere Anfragen kamen herein. Teilweise von Leuten, die schon regelrecht verzweifelt waren. Aber was sollte er tun, er konnte keine Wohnungen herbeizaubern, sondern nur verkaufen, was auf dem Markt vorhanden war. Und wenn die Leute nicht genug Geld hatten, hatten sie eben Pech. 

Er bog ab und folgte einer weiteren kleinen Gasse, die genauso menschenleer war, wie die vorige. Bis zu seinem Haus war es nicht mehr weit. Seine Kinder schliefen mit Sicherheit bereits und seine Frau war vermutlich vor dem Fernseher eingedöst. 

An diesem Abend, Ende Oktober, war es verdammt kalt. Obwohl die Temperaturen die letzten Tage für Oktober noch relativ mild gewesen waren, hatte es jetzt bereits Minusgrade. Er zog seinen Mantel enger um sich und beschleunigte sein Tempo. In maximal zehn Minuten saß er daheim auf seinem Sofa, konnte sich noch ein Bier gönnen und ein bisschen Fernsehschauen. Der Gedanke erwärmte ihn. Es war ein verdammt gutes Gefühl, Feierabend zu haben. Insbesondere, da er morgen nicht allzu früh wieder raus musste. 

Ein Geräusch hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Es war ein Klappern hinter ihm, als hätte jemand eine Mülltonne umgestoßen. Er drehte sich um, konnte im Halbdunkel aber nicht viel ausmachen. Da er den Weg jeden Tag ging, wusste er, dass dort mehrere, alte Mülltonnen standen. Vermutlich eine streunende Katze oder ähnliches. Er drehte sich wieder nach vorne um und ging weiter. In einiger Entfernung sah er bereits die Straßenlaternen. Dort wurde es heller und er konnte die dunklen Gassen hinter sich lassen. Abermals ließ ihn ein Geräusch sich reflexartig umdrehen. Diesmal meinte er, Schritte gehört zu haben. Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Er war nicht alleine. Obwohl er sonst nicht der Typ war, der zu Panik oder Angstgefühlen neigte, war ihm jetzt mulmig zumute. „Hallo?“ rief er in die Dunkelheit. „Ist da jemand?“ 

Keine Antwort. Er wartete ein paar Sekunden, doch es war wieder vollkommen still. Kein Mucks zu hören. Er wartete, bis sich seine Augen noch ein wenig besser an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er sah die Häuserfassaden, die hier an der Stelle nicht gerade, sondern nach oben hin, leicht schräg in die Gasse hingen und es dadurch noch dunkler werden ließen. Er konnte eine defekte Straßenlaterne ausmachen. Die einzige in dem Weg, die aber schon, seit er hier unterwegs war, außer Betrieb war und vermutlich auch nie ausgetauscht werden würde. Und ein paar Müllsäcke, die vor einem Hofeingang auf der rechten Seite standen. Die Gasse war heruntergekommen und ziemlich schmuddelig. Nicht auszudenken, wer sich hier nachts so herumtrieb. Ihm wurde mulmig, zumal er hier bisher um diese Uhrzeit noch nie jemanden gesehen hatte. Die Kälte zwang ihn weiterzugehen. Er beschleunigte seinen Schritt. Umso schneller er daheim war, desto besser. Nur noch wenige Meter trennten ihn von der beleuchteten Straße auf der anderen Seite. Dann hörte er wieder das Geräusch. Schritte, einen Atem. Diesmal viel näher als eben. Er drehte sich blitzschnell um. „Hallo? Wer zum Teufel ist da?“ Seine Stimme klang fest. Es war eine Mischung aus Wut und Verunsicherung. Spielte ihm da jemand einen dummen Streich? Wollte ihm jemand Angst einjagen? Aber das würde nicht so leicht klappen. Zumindest redete er sich das ein. Er wartete, er spürte, dass da jemand war. Wo bist du, Mistkerl?, fragte er sich. Komm schon her und sag, was du willst. Es war stockfinster. Er konnte in der Gasse, aus der er gekommen war, absolut nichts mehr erkennen. Er wartete, achtete auf jedes Geräusch. Doch es blieb mucksmäuschenstill. Kaum für möglich zu halten, dass es in dem Ort, wo jeden Tag Trubel und dutzende Pendler unterwegs waren, jemals so still sein konnte. Nachdem er einige Minuten reglos auf der Stelle verharrt war, ohne dass etwas passierte, dachte er, verdammt, was soll‘s, drehte sich um und ging in schnellstem Tempo weiter. 

Ein jäher Knall zerriss die nächtliche Stille. 

Ein stechender Schmerz pochte in seiner Brust. Er fasste sich an das weiße Hemd und spürte, wie das warme Blut über seine Finger lief. Er hatte nicht mehr die Kraft, sich umzudrehen. Seine Tasche fiel auf den Boden, ihm wurde schwarz vor Augen. Er sank auf die Knie und hörte noch, wie sich Schritte langsam auf ihn zubewegten. „Warum?“, war sein letzter Gedanke. Dann sank er tot auf den kalten Steinboden. 






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